Wen interessiert noch, ob es sich bei der Musik von James Blake und Jamie Woon um ein verfeinertes Produkt der Kulturindustrie oder um bürgerlicheSubjektivität handelt, angesichts eines Produzenten, der eines sicher nicht will: sein Bewusstsein in irgendeiner Form in Musik widergespiegelt sehen. Der Ausdruck des Individuellen rückt bei Aaron Jerome, dem Mann hinter der Maske, in den Hintergrund. Die eigene Krise wird subtrahiert für das Ganze, das mehr als die Summe der Teile ist.
In diesem Sinne spiegelt SBTRKT den Geist der HipHop-Kultur wider. Die posse ist wichtiger als der einzelne Künstler – nur, dass die posse nicht mehr aus der Nachbarschaft kommt, sondern eine internationale Facebook – posse ist. Die einzelnen Songs erhalten ihre Ausdrucksstärke sowohl von britischen Sängerinnen wie Jessie Ware und Roses Gabor (die durch ihre Zusammenarbeit mit den Gorillaz bekannt wurde) als auch von der Schwedin Yukumi Nagano, Sängerin der schwer gehypten schwedischen Konsensband Little Dragon.
Bilder zeigen immer “zu wenig oder zu viel”, glaubt die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen. Dieser These begegnet man in der Ausstellung “Visuelle Migrationen – Bilder in Bewegung” als kritische Einordnung der gegenwärtigen bildtrunkenen Kultur. An den Wänden des LEAP/Berlin Carree, in einer derzeit ungenutzten Einkaufspassage direkt unter dem Fernsehturm am Alexanderplatz, werden aus dem Internet gefischte Fotos, Grafiken, Kunstwerke und Symbole gezeigt und mit Texten einer Vielzahl von Autoren kommentiert.
Das Gras ist anderswo auch nicht grüner. Auch im malerischen Küstenstädtchen Whitstable, eine gute Stunde von London entfernt, kämpft der Musikmagazinjournalismus ums Überleben. Die Frage, die sich Anne Hilde Neset, die stellvertretende Chefredakteurin der britischen Zeitschrift The Wire am Ende des Festivals “Off The Page” stellte – warum es so lange gedauert habe, eine dreitägige Veranstaltung auf die Beine zu stellen -, lässt sich einfach beantworten: mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit.
Idiosynkrasie, schrieb Jürgen Habermas in seiner “Theorie des kommunikativen Handelns”, ist privatistisch und irrational. Letzterem zumindest scheint der Pianist Francesco Tristano zuzustimmen, wenn er über sein neues Album “Idiosynkrasia” sagt, dass es nichts mit Logik zu tun habe. “C’est magique” fasst der Luxemburger seine Arbeit mit Piano, Laptop und dem Detroiter Techno-Pionier Carl Craig zusammen.
Dubstep war die Musik des Vorscheins der Dystopie, der Sound zur angekündigten Finanzkrise. Die Briten wussten, dass etwas auf sie zukommt, sie wussten nur nicht, in welchem Ausmaß. Inzwischen hat sich das Monströse der Finanzkrise in banale Realität verwandelt. Großbritannien lebt mittlerweile in der Rezession, die Einschnitte in den Sozialhaushalt sind gewaltig. Willkommen im Postdubstep. Diese Musik ist kein Engagement, sondern Arrangement.
Die Popkritik krankt an ihrer Unentschlossenheit. Sie kann sich nicht entscheiden, ob der Kritiker im Mittelpunkt des Interesses steht, oder die Popmusik. In den letzten 15 Jahren ging die Entwicklung dahin, die Bedeutung des Popkritiker-Subjektes höher einzuschätzen als die Bedeutung der Musik.
Der Grund liegt im Ensemble-Charakter der Popkritik, die sich selbst als autopoetisches System begreift: Ein autonomes System mit Zusatzeigenschaften – wobei die Zusatzeigenschaft die Musikkritik ist. Erst wenn diese Zusatzeigenschaft wieder zur eigentliche Eigenschaft wird, kommt die Popkritik aus ihrer Krise.
Der popmusikalische Diskurs übernahm in den frühen 80er-Jahren zwei Funktionen: Als Artikulation jugendlichen Aufbegehrens stellte er die bürgerliche Kultur in Frage und als neuer Ort politischer Dissidenz die Dichotomie zwischen System und Rebellion. Während man in der Alternativkultur der 70er-Jahre noch wusste, woher die Repression stammte und wie man gegen sie kämpfte, stellte sich die smartere Subversion des Pop als postmoderne Bricolage dar.
Selten war die Lücke zwischen der alltäglich praktizierten Popkultur und der theoretischen Durchdringung des Formats Pop größer als heute. Während sich beispielsweise Videos auf You Tube anschauen durch tumbes Tun auszeichnet, ist die Beobachtung des Populären in eine neue Stufe eingetreten: Beobachtet werden jetzt die Beobachter.